Wir entfernen uns zunehmend von unseren Gefühlen, überhören die Stimmen in unserem Inneren und suchen Antworten im Außen, als lägen sie irgendwo weit entfernt. Doch was wäre, wenn wir den Mut fänden, über den reinen Verstand hinauszugehen – und die Welt, innen wie außen, mit offener Neugier zu betrachten? Vielleicht würden wir entdecken, wie viele Stimmen darauf warten, gehört, angenommen und zum Leben erweckt zu werden. Wie klingen sie? Und wie klingt die Angst, die sie unterdrückt? Inspiriert an William Blakes Gedicht Garden of Love (1793) sucht das Naxos Hallenkonzert in zeitgenössischen Werken für Oboe solo nach Antworten.
Als eine der septem artes liberales holt sich die Musik seit dem Mittelalter immer wieder Inspiration an mathematischen Verhältnissen – hinsichtlich rhythmischer Proportionen, intervallischer Kombinationen und Stimmführung. Dabei verstärkt die Musik die mystische Bedeutung der Zahlen. Beispielhaft resonieren im Programm Werke der Renaissance zwischen 1400-1600, u.a. von Alexander Agricola, Johannes Ciconia, John Baldwin, Hayne van Ghizeghem – in Auseinandersetzung zu Komponistinnen der Gegenwart, Arevik Beglaryan, Sofia Gubaidulina, Kaija Saariaho, Caroline Shaw. Anhand Musik, Mathematik und Kerzenschein sucht dieses Naxos Hallenkonzert zum Jahresausklang 2025 nach einer Erfahrung der harmonia mundi, einer Welt in Harmonie.
PROGRAMM Renaissancewerke, arr. für Flötentrio von Johannes Ciconia (~1370–1412), Christoher Tye (1505–72), Elway Bevin (1554–1638), John Baldwin (1560–1615), Francisco de la Torre (ca. 1510), Nathaniel Giles (1558–1633), Hayne van Ghizeghem (1445-72), Alexander Agricola (1445-1506), Baccio Fiorentino (1474-1539), Thomas Woodson (?-1605), Vincenzo Ruffo (1508-87).
Cello-Solowerke von Sofia Gubaidulina: Preludes (Auswahl), Kaija Saariaho: Sept Papillons, Anna S. Þorvaldsdóttir: Transition, Caroline Shaw: in manis tua.
Im 91. Naxos Hallenkonzert debütiert das Ensemble New Music Tallinn (ENMT) in Frankfurt am Main mit der Visitenkarte seiner beiden Gesichter – einerseits dem mit der avantgardistischen zeitgenössischen Musik verbundenen und andererseits dem in der performativen elektronischen Musik experimentierfreudigen:
Teil 1 - Die Sackpfeife Torupill ist für ihren charakteristischen Klang und ihre kulturelle Bedeutung in Estland bekannt. Jede Sackpfeife hat spezifische Intonationen und Klangfarben. Das ENMT hat fünf Komponist:innen mit unterschiedlichen stilistischen Ansätzen zu Mikrointervallen eingeladen, neue Ensemblewerke zu schreiben, dabei die akustischen und psychoakustischen Eigenschaften zum Einsatz der Torupill zu untersuchen und daneben neue Perspektiven der Kombination mit Mikrointervallen zu entdecken. So entsteht ein avantgardistischer Bezug zum traditionellen Instrument.
Neue Werke für Torupill & Ensemble (2025) von Justina Repeckaite, William Dougherty, Arash Yazdani, Liisa Hirsch und Klaus Lang.
Teil 2 - Das ENMT präsentiert eine besondere Performance: Die Scrapyard-Series wurden 2020 ins Leben gerufen mit dem Ziel, die zeitgenössische Musik mit verschiedenen anderen Medien zu fusionieren, wobei eine Mischung aus DIY, Lo-Fi und klassischer Neuer Musik entsteht. Neben erweiterten Instrumentaltechniken spielen bei der Präsentation choreografische und visuelle Elemente eine zentrale Rolle.
BESETZUNG Ensemble New Music Tallinn Maria Lume - Flöte | Soo-Young Lee - Klarinette | Talvi Hunt - Klavier | Toomas Hendrik Ellervee - Violine | Talvi Nurgamaa - Bratsche | Paul-Gunnar Loorand - Cello | Madis Jürgens - Kontrabass | Arash Yazdani - musikalische Leitung
Katariin Raska - Torupill
PROGRAMM Teil 1 - Torupill
William Dougherty (USA) - empty cisterns and exhausted wells (2025)* Klaus Lang (AUT) - corium (2025)* Liisa Hirsch (EST) - Chorus. Immerse. Symmetry (2025)* Arash Yazdani (EST) - Sherveh (2025)* Justina Repečkaitė (LIT) - Millefleur (2025)
* commissioned by Ensemble for New Music Tallinn, funded by EvS musikstiftung
Teil 2- Scrapyard
Arash Yazdani - Romance or something (2024) for 4 MIDI controllers Jeffrey Arlo Brown - Motion Harmony #6 (2014) for 4 pendulums Hugo Morales Murguia - Topspin Plasma (2021) for 3 musicians bug-zappers, cymbals and amplification system Hugo Morales Murguia - 150pF (2012) for body capacitance and amplification system Hugo Morales Murguia - Propulsion Etude (2014) for 4 jumpers and motion sensitive platforms
In Musik und Tanz personifiziert Le sacre du printemps seit seiner Uraufführung 1913 den Bruch gängiger Konventionen. Stravinskys eigene zwei-Klaviere-Transkription des zukunftsweisenden Werks erklingt neben La Valse – Ravels musikalischer Revue der im Ersten Weltkrieg zerfallenden Wiener Monarchie und zugleich fantastisch-tödlichen Apotheose des Walzers. Dem gegenüber steht die 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg entstandene Sonate für zwei Klaviere von Paul Hindemith, in deren Recitativo-Teil die Zeilen Of this worldes joie, hou hit goth al to noth einer mittelalterlichen englischen Ballade zu hören sind. Zwei Tänzerinnen bewegen sich wie schwerelos, an Seilen hängend, öffnen den Raum in die Vertikale. Bild um Bild handeln die Bewegungen und Klänge von den Metamorphosen, zwischen Tod und Wiedergeburt, Vergangenheit und Zukunft.
1. Aufführung Freitag - 3. Oktober 2025 - 20:00 Uhr
2. Aufführung Samstag - 4. Oktober 2025 - 20:00 Uhr
Entführung in immersive Traumwelten: Das Programm bewegt sich entlang verschiedener Bühnenräume, vereint Uraufführungen neuer Ensemblewerke, zerfließende Ölgemälde, Lichtinstallationen und raumgreifende Skulpturen zu einem multisensorischen Erlebnis. Eine Kissenlandschaft lädt zum Liegen und Träumen ein. Patrick Schäfer behandelt in „Dunkle Mitte“ (2025, UA) die Themen Verlust und Vergänglichkeit, während Sara Cubarsi in „Exvot VI – Melt me heart, my hard be gone“ (2025, UA) das Ende des Verlangens thematisiert. Werke von Anna S. Þorvaldsdóttir und Michael Gordon führen aus der Dunkelheit zurück ins Licht.
BESETZUNG Broken Frames Syndicate Lola Rubio - Violine | William Overcash - Violine | Laura Hovestadt - Viola | Nathan Watts - Cello | Katrin Szamatulski - Flöte | Moritz Schneidewendt - Klarinette | Peng-Hui Wang - Fagott | Talvi Hunt - Klavier | Yu-Ling Chiu - Perkussion | Lautaro Mura Fuentealba - musikalische Leitung Paul Pape - Rauminstallation
PROGRAMM Sara Cubarsi: Exvot VI – Melt me heart, my hard be gone (2025, UA) Anna S. Þorvaldsdóttir: Ró (2013) Patrick Schäfer: Dunkle Mitte (2025, UA) Michael Gordon: The Light of the dark (2007)
Die emotionale Kraft der Musik steht im Zentrum: Die Musiker*innen der Kammerphilharmonie Frankfurt laden Sie zu einem tiefen und kollektiven Eintauchen in berührende klangliche Welten ein. Im Zentrum des Programms steht die Suite aus “Der wunderbare Mandarin” von Bela Bartok - ein kraftvolles Werk von äußerster Audrucksstärke. In wechselnden räumlichen Positionen hört das Publikum außerdem Kompositionen von A. Pärt, P. Oliveros, T. Riley und L. Janáček.
PROGRAMM Arvo Pärt - Fratres Terry Riley - In C Pauline Oliveros - Sonic Meditations Béla Bartók - Orchestersuite: Der Wunderbare Mandarin Leoš Janáček - Moravian folk poetry in songs
Reverenz – als Hommage, als Bezug, als Beziehung: nicht zuletzt gegenüber dem vor einem knappen Jahr verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm: Sein intimes Werk „Dyade“ steht im Programm des IEMA-Ensembles 2024/25 neben Arturo Fuentes’ „Space Factory III“, das musikalisch dem Kindlichen nachspürt. Hanurij Lees „Stuff #2“ nimmt hörbar und formal Bezug auf die Barockmusik, während Helen Grimes „Seven Pierrot Miniatures“ an Schönbergs „Pierrot lunaire“ anknüpfen: Auch sie lässt sich von den Gedichten von Albert Giraud inspirieren, ohne sie explizit zu vertonen. Rebecca Saunders verweist mit „Stirrings Still II“ auf Samuel Becketts letztes Werk und verwandelt dessen inneren Monolog in eine fragile, räumliche Klangcollage.
PROGRAMM Arturo Fuentes: Space Factory III (2011) Wolfgang Rihm: Dyade (2010) Hanurij Lee: Stuff #2 (2025) Rebecca Saunders: Stirrings Still II (2006-08) Helen Grime: Seven Pierrot Miniatures (2010)
Klang und Raum neu gedacht: In einer einzigartigen Verbindung von verstärkter Stimme und Modular-Synthesizer re-interpretieren Maren Schwier und Raphaël Languillat Hildegard von Bingens Gesänge zur „Grünkraft“. Hiervon ausgehend schlägt das Trio Radial einen Bogen bis zu Pauline Oliveros’ Sonic Meditations. Mit Live-Elektronik, einem Acousmonium und einer neuen Komposition des Frankfurter Komponisten Tobias Hagedorn entsteht zwischen heute und dem 12. Jahrhundert ein immersives Klanggewebe.
BESETZUNG
Trio Radial Shelly Ezra - Klarinette | Ya Chu Yang - Horn | Esther Saladin - Violoncello
TRIO RADIAL Hildegard von Bingen / Arr.: Trio Radial (12. Jhd. | 2025) Auszüge aus dem Ordo Virtutum
Pauline Oliveros Sonic Meditation – Variations on Listening (1988)
Tobias Hagedorn Neues Werk (2025, UA) again and again - für Kl, Hn, Vc, Elektronik - 2025 - Uraufführung Kompositionsauftrag der Naxos Hallenkonzerte
Raphaël Languillat HD 181068 (trinity) für Kl, Hn, Vc, Elektronik (2022/25)
DUO IKONA Hildegard von Bingen / Raphaël Languillat (12. Jhd. | 2025) O virga mediatrix Hodie aperuit O frondes virga O quam preciosa O rubor sanguinis O viridissima virga
Machautopia | 7 Jahre Naxos Hallenkonzerte
I) Guillaume de Machauts mystische Motetten aus dem 14 Jahrhundert, die Uraufführung eines neuen Vokalsextetts von Anna Korsun und experimentelle Kompositionen von Sebastian Claren stehen im Programm, das die dynamischen Begriffe von Geschlecht und Begehren durch die Linse Michel Foucaults Philosophie betrachtet und davon handelt, wie auch die Musik seit jeher mit Körperlichkeit und Verlangen verbunden ist.
II) Machauts Verständnis von einer bedrohlichen Natur und Wildnis stellen die Overhead-Lichtkünstlerin Katrin Bethge und der Bassist und Producer John Eckhardt eine audiovisuelle Performance organischer wie anorganischer Kräfte gegenüber, die die Lebendigkeit spielerisch vermehrt – Liebe in Zeiten des Verlustes der Biodiversität.
BESETZUNG KlangForum Heidelberg Clémence Boullu - Sopran | Julie C. Eggli - Mezzosopran | Mercè Bruguera - Alt | Johannes Mayer - Tenor | Ferdinand Junghänel - Tenor | Florian Drexel - Bass | J. Marc Reichow - Klavier
Ekkehard Windrich - Leitung, Moderation
Katrin Bethge - Overhead Lichtprojektionen John Eckhardt - Elektronik
PROGRAMM Guillaume de Machaut (1300-1377) Motette 2 – Tous corps / De souspirant cuer / Suspiro Motette 7 – J'ai tant mon / Lasse! Je sui / Ego moriar pro Motette 9 – Fons totius / O livoris feritas / Fera pessima Motette 14 – Maugré mon cuer / De ma dolour / Quia amore langueo
Anna Korsun NEUES WERK für 6 Stimmen (2025 - UA im Rahmen der Naxos Hallenkonzerte)
Sebastian Claren SEX für Klavier solo (1995-96 - 25’)
Katrin Bethge & John Eckhardt - LEOPARDS & LIONS (ca. 30’)
Ein Liederabend zur Gegenwart: Der vor dem Krieg in Syrien geflohene Schauspieler Morad Badrah erzählt seine Lebensgeschichte in kurzen Szenen. Dazwischen interpretiert die ukrainische Star-Mezzosopranistin und Amnesty-Botschafterin Christina Daletska Lieder von ukrainischen und europäischen Komponist:innen. Viele der zeitgenössischen Werke wurden für sie komponiert und ihr gewidmet. Die Liedertexte fügen sich zu den Geschichten des Schauspielers und unterstreichen die Themen Krieg und Frieden, Leben und Tod, Hochzeit und Abschied.
Die sämtlichen Einnahmen aus diesem Naxos Hallenkonzert fließen an humanitäre Hilfszwecke für die Ukraine 🇺🇦
PROGRAMM Myroslaw Skoryk (1938-2020) - Drei ukranische Hochzeitslieder (1974) Hugo Wolf (1860-1903) - Elfenlied (1988) | Ich hab in Penna (1896) | Gesang Weylas (1888) | Gebet (1888) | Mignon (1891) Charlotte Bray (1982) - The earth cried out to the sky (2022) Zoltan Almashi (1975) - Mit grünen Ansichten eines Fuchses (2004) Michael Pelzel (1978) - Die schläfrigen Städte (2021) Janna, janna, janna - Protestlied der syrischen Revolution, nach einem irakischen Volkslied